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Buchtipp: Ich werde nie mehr Geige spielen können

 


Ein Buchtipp von Pastor Erhard Graf

 

Werner Krusche                                            

Ich werde nie mehr Geige spielen können                    

Erinnerungen

ISBN: 3871733768: 7332610

Radius-Verlag GmbH

Oktober 2007 - gebunden - 394 Seiten

 

„Mit seinem langen Leben durchläuft und verbindet Werner Krusche auf einzigartige Weise, was uns als Deutsche historisch und politisch, geistig und geistlich im 20. Jahrhundert geprägt hat“, schreibt der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seinem Vorwort. Beim Lesen werden neben vielen familiären Episoden gleichzeitig neunzig Jahre Kirchengeschichte lebendig.

 

Die Autobiographie beginnt mit einer Kindheit und Jugend im Erzgebirge, jener frommen Umgehung die von der ihr „dargereichten volkskirchlichen Suppe nicht satt wurde“ (S. 13) Die Erlebnisse aus seiner Soldatenzeit, gaben die Vorlage für den Buchtitel. Dabei mutet es wie ein Wunder an, dass die schwer verletzten Hände noch einmal schreiben und sogar Klavier spielen können. Die Erinnerungen an sein Theologiestudium, lassen alte und erwürdige Professorennamen wieder lebendig werden.

 

Hauptinhalt des bewegten Buches sind die „Dreißig Jahre im Dienst der Kirchen in der DDR“ . Zunächst war Krusche Pfarrer in. Dresden, Studiendirektor des sächsischen Predigerseminars in Lückendorf, danach Dozent am Theologichen Seminar in Leipzig und von 1968 bis 1983 Bischof der Kirchenprovinz Sachsen. Bei allen Stationen erzählt er über den schwer vorstellbaren DDR-Alltag einer Pfarrfamilie. Mit kritischer Offenheit geht er auf das kirchliche Leben und all die Konflikte ein, sei es zwischen Konfirmation und Jugendweihe oder im Fall Brüsewitz. Die Orte und Namen ließen sich beliebig austauschen. Wer diese Zeit selbst erleben musste, kann das Erzählte nicht nur bestätigen, sondern weiß: oft war es noch viel mühevoller, das Evangelium im real existierenden Sozialismus zu verkündigen. Krusche schreibt von den Ängsten vor Verhaftungen und genauso offen über die Spitzengespräche mit den Politfunktionären auf Bezirksebene und mit dem SED-Staats- und Parteichef, Er verschweigt nicht, dass seine Sichtweise nicht von allen geteilt wurde. Als Bischof kennt er bei seinen regelmäßigen Besuchen den Gemeindealltag und weiß, mit welchen: Einfallsreichtum aIIes organisiert werden musste.

 

Sein aktiver Dienst endet im bedeutsamen Lutherjahr 1983. In einer kleinen Begegnung beim Kirchentag in Wittenberg erzählt er. wie ein Schwert vor den Augen der entsetzten Staatsfunktionäre zum Pflugschar umgeschmiedet wurde. Er bedauert noch heute, nicht persönlich dabei gewesen zu sein, denn damit begannen unzählige Gemeindeaktivitäten mit regelmäßigen Friedensgebeten, die in die berühmten Montagsdemonstrationen mündeten.

 

So intensiv wie Krusche über seine Jahre im Dienst schreibt, wünscht man sich seine Gedanken zum Fortgang der Geschichte nach dem Fall der Mauer zu lesen. Doch das würde wohl den Rahmen seines Buches sprengen. Im Blick auf die Zukunft fragt er am Ende. „Sind Menschen durch mich zum Glauben gekommen?“ (S. 390) Menschen sollen zum Glauben kommen, egal in welchen Strukturen oder Systemen. Mit seinen: er Erinnerungen hat Krusche all denen die neugierig sind, wie Kirche in der DDR gelebt wurde, ein lesenswertes Geschenk gemacht.

 

 

aus: "Deutsches Pfarrerblatt", Heft 10/2008 (S.557/8)