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Buchtipp: "Dietrich Bonhoeffer"

 

Ferdinand Schlingensiepen:

 

Dietrich Bonhoeffer

 

C. H. Beck Verlag, München, 2005

ISBN 340-6-53425-2     24,90 €     (gebunden)

 

Deutscher Taschenbuchverlag, München, 2010

ISBN 978-3-423-34609-2     12,90 €     (Taschenbuch)

 

 

„Die Gedichte, Aufzeichnungen und Briefe Dietrich Bonhoeffers faszinieren bis heute viele Menschen. Anschaulich und auf der Grundlage zahlreicher neuer Quellen schildert Ferdinand Schlingensiepen den ungewöhnlichen und mutigen Lebensweg des Pfarrers, Theologen und Widerstandskämpfers. Er lässt dessen Erfahrungs- und Gedankenwelt lebendig werden und macht deutlich, warum Bonhoeffer von Beginn an gegen das NS-Regime eingestellt war und die schwerwiegende Entscheidung zum aktiven Widerstand getroffen hat.“ (Der Tagesspiegel)

 

Das 2005 erschienene Buch ist 2010 auch als preiswerteres Taschenbuch erschienen. Wer dieses Buch in die Hand nimmt, legt es nicht eher beiseite, bis er es durchgelesen und teilweise durchgearbeitet hat. Dr. Ferdinand Schlingensiepen, geboren 1929, Pfarrer im Ruhestand, ehemals Vorsteher des Diakoniewerkes Kaiserswerth, versteht es, der Leserin, dem Leser nicht nur die Person Dietrich Bonhoeffer nahe zu bringen, seinen Lebens- und Leidensweg nachzuzeichnen, sondern zugleich auch den „Kirchenkampf“ zwischen der Bekennenden Kirche und den Deutschen Christen und ihr Verhältnis zur Nazidiktatur kenntnisreich darzustellen. Zugleich lässt er dem Leser, der Leserin Einblicke gewinnen in die theologische Entwicklung und die theologischen Gedankengänge Dietrich Bonhoeffers. Es wird einem klar, dass Christen, die ihre Haltung am Wort Gottes orientierten, schon den Anfängen des Nationalsozialismus kritisch gegenüberstehen mussten.

 

Bereits 1932 bezog Bonhoeffer eindeutig Stellung zur Haltung der Nationalsozialisten gegenüber Menschen mit Behinderung:

 

 „Es ist ja ein glatter Wahnsinn, wenn man bis heute meint, Kranke einfach durch Gesetze beseitigen zu können oder zu sollen. Das ist fast schon ein Turmbau zu Babel, der sich rächen muß. Es ist eben doch der Begriff von Krank und Gesund sehr zweideutig; und daß das, was hier an <Krankem> ist, an wesentlichen Punkten des Lebens und der Einsicht gesünder als das Gesunde und daß sie beide einander einfach bedürfen, das ist wohl doch eine wesentliche Gestalt und Ordnung dieses Lebens, die nicht einfach frech und einsichtslos verändert werden kann.“

 

Wir wissen heute: Nur wenige Jahre später hat Hitler mit Hilfe seiner Euthansie-Ärzte viele Menschen mit Behinderung ermorden lassen.

 

Auch zum Antisemitismus und zur Einführung eines „Arierparagraphen“ in der evangelischen Kirche bezogen die Bekennende Kirche und Dietrich Bonhoeffer deutlich Stellung. In einer Denkschrift, an welcher Bonhoeffer maßgeblich mitgearbeitet hat, und welche im Juni 1936 in der Reichskanzlei vorgelegt wurde, heißt es hierzu:

 

„Wenn der arische Mensch verherrlicht wird, so bezeugt Gottes Wort die Sündhaftigkeit aller Menschen. Wenn den Christen im Rahmen der nationalsozialistischen Weltanschauung ein Antisemitismus aufgedrängt wird, der zum Judenhaß verpflichtet, so steht für ihn dagegen das christliche Gebot der Nächstenliebe.“

 

Der Leser, die Leserin erfährt in dieser Biographie auch, dass es Bonhoeffer nicht genügte, nur warnend den Zeigefinger zu heben. Schon sehr früh war ihm klar, dass es eines größeren Einsatzes bedurfte, um dem Nationalsozialismus Einhalt zu gebieten. So schrieb er bereits 1934 an einen Freund in der Schweiz:

 

Obwohl ich mit vollen Kräften in der kirchlichen Opposition mitarbeite, ist es mir doch ganz klar, daß diese Opposition nur ein ganz vorläufiges Durchgangsstadium zu einer ganz anderen Opposition ist und daß die Männer dieses ersten Vorgeplänkels zum geringsten Teil die Männer jenes zweiten Kampfes sind. ... aber bis dahin muß viel geglaubt, viel gebetet und viel gelitten werden.

 

Dietrich Bonhoeffer hatte viele Kontakte ins Ausland. 1924 unternahm er mit seinem Bruder eine mehrwöchige Italienreise. Von Februar 1928 bis Februar 1929 war er als Vikar in Barcelona, Spanien, 1930/31 war Bonhoeffer ein Jahr lang als Stipendiat in den USA. Von dort reiste er 1930 nach Kuba und 1931 nach Mexiko. Im September 1931 wurde er auf der Tagung des ökumenischen Weltbundes in Cambridge zum internationalen Jugendsekretär gewählt. In den Folgejahren musste er oft bei ökumenischen Konferenzen in Einzelgesprächen mit Teilnehmern anderer Staaten die schwierige Lage der Christen in Deutschland und die Situation des Kirchenkampfes in Deutschland erläutern. Von Oktober 1933 bis April 1935 war Dietrich Bonhoeffer Gemeindepfarrer von drei deutschen evangelischen Gemeinden in London. Danach leitete er in Deutschland ein Predigerseminar für angehende Pastoren der Bekennenden Kirche, welches mehrfach den Ort wechseln musste, bis es im September 1937 endgültig geschlossen wurde. Bis März 1940 wurde die Arbeit jedoch im Untergrund an wechselnden Orten weitergeführt. Das Amt als internationaler Jugendsekretär musste er bereits im Februar 1937 wieder niederlegen, da er nicht mehr ins Ausland reisen durfte.

 

Erst als sein Schwager Hans von Dohnanyi ihn als V-Mann in die Abteilung Abwehr im OKW bei Admiral Canaris holte, waren Dietrich Bonhoeffer in dieser Eigenschaft einige Reisen in die Schweiz möglich. Dort traf er sich neben seinen offiziellen Aufträgen auch mit einflussreichen Persönlichkeiten, um zu klären, ob und unter welchen Bedingungen Deutschland nach dem Ende der Zeit des Nationalsozialismus wieder in die Völkergemeinschaft aufgenommen werden kann. Das zu klären, war seine Aufgabe für die Widerstandsgruppe, der auch sein Schwager Hans von Dohnanyi und Canaris angehörten.

 

Schon 1940 setzte sich Dietrich Bonhoeffer sehr intensiv mit der Frage auseinander, ob er nach einem Attentat auf Hitler, auch wenn er selbst die Bombe nicht wirft,  noch Pfarrer sein und das Abendmahl austeilen dürfe. Sein Resümee: Wenn es darum geht, einem Verbrecher in den Arm zu fallen und weitere Greueltaten zu verhindern, ist das sittlich geboten.

 

Nachdem die Attentatsversuche am 13. und am 21. März 1943 gescheitert waren, wurde Dietrich Bonhoeffer am 5. April 1943 verhaftet. Gleichzeitig werden Hans von Dohnanyi und seine Frau verhaftet und ins Militäruntersuchungsgefängnis Berlin-Tegel gebracht. – Aus dieser Zeit stammt ein reger Schriftverkehr. Mit Hilfe von gefälligen Wärtern wurden heimlich Briefe aus der Haftanstalt geschmuggelt. 1950/51 wurden diese unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ herausgegeben. Dietrich Bonhoeffer hat im Gefängnis auch Gedichte geschrieben. Sein bekanntestes Gedicht endet mit der Strophe:

 

Von guten Mächten wunderbar geborgen,

erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist mit uns am Abend und am Morgen

und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

 

Diese Gedicht wurde 1959 von dem Berliner Organisten Otto Abel (1905-1977) vertont und hat Eingang in Evangelische Gesangbuch (Nr. 65) gefunden.

 

Am 8./9. April 1945 wird Dietrich Bonhoeffer nach Flossenbürg in der Oberpflaz gebracht und nach einem nächtlichen Scheinprozess zusammen mit den übrigen Mitgliedern der Gruppe Canaris in den Morgenstunden des 9. April erhängt und verbrannt. Das gleiche Schicksal trifft seinen Schwager Hans von Dohnanyi in Sachsenhausen.

 

Ferdinand Schlingensiepen lässt mit seinem Faktenwissen und seiner großen Detailkenntnis diese Zeit vor dem geistigen Auge des Lesers neu aufleben. Das Buch leistet damit ein wichtiges Stück Erinnerungsarbeit für die Nachgeborenen, die den Nationalsozialsozialismus nicht mehr selbst erlebt haben, sondern für die der Nationalsozialismus Teil der deutschen Geschichte geworden ist.

 

Klaus-Rainer Martin

 

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